Die Corona Krise: Herausforderung und Chance

11.April 2020

Die aktuelle Corona Virus Pandemie stellt uns Menschen vor eine große Herausforderung.
Es ist eine Krisensituation, wie sie viele von uns noch nicht erlebt haben. Sie macht Angst, führt zu großen Unsicherheiten und verlangt durch die neuen Umstände, besonders durch das social #physicaldistancing, einiges an Kraft ab.
Doch diese Krise ist ebenso ein Weckruf und eine Erinnerung an uns. In ihrer sehr drastischen und geradezu unsanften Manier mahnt sie uns, dass es mehr Möglichkeiten als die bisher bekannten gibt und ein Umdenken nötig ist. Denn vieles ist bei uns bereits in Schieflage und steckt in einem permanenten Krisenmodus: ein verhängnisvoller Klimawandel, Umwelt- und Naturprobleme sowie ungleiche soziale wie wirtschaftliche Gefüge. Dabei hängen alle diese Bereiche zusammen und bedingen sich durch unsere Handlungen gegenseitig. Gekonnt ignorieren wir diese Tatsachen aber zum Großteil oder nehmen sie nicht ernst genug. Der Corona Virus ist nun die (eine?) Spitze vom Eisberg, doch seine drastische Präsenz gibt uns auch Möglichkeiten an die Hand, etwas zu verändern. Diese herausfordernde Zeit birgt Chancen
, für uns persönlich sowie für uns als Gesellschaft. Wenn wir innehalten und genauer hinschauen, können wir diese nutzen.

WIE CORONA UNS HERAUSFORDERT

Die Corona Krise wird von uns, wie auch andere Krisen oder Konflikte, prinzipiell als negativ aufgefasst. Denn es ist eine unbekannte, unbequeme Situation derer wir uns unvermittelt ausgesetzt fühlen. Aufgrund ihrer massiven und teils noch uneinsehbaren Auswirkungen, wirkt sie beängstigend und bedrohlich auf uns. Die Umstände scheinen uns mitunter ausweglos, da wir (noch) nicht wissen, welche Lösungen es gibt und wie es weiter gehen kann. Handlungs- und Denkweisen, die uns bisher gedient haben, können wir plötzlich nicht mehr anwenden. Wir sind total aus unserem altbekannten Rahmen gerissen und erfahren in fast jedem Lebensbereich massive Veränderungen: Home office, Kurzarbeit, arbeitslos; home schooling, Animateur, Freundesersatz; Maskenpflicht in Supermärkten und Öffis, Abstand zu Fremden; digitale Kontakte, digitale Schule, digitales Shopping und virtueller Café; kein Sport in Gruppen, keine Veranstaltungen, keine Spielplatzbenützung, keine Reisen …



Fast alle unsere bisherigen Lebensrealitäten haben sich verändert. Wir sind genötigt, unüblich als zuvor mit ihnen umzugehen, neue Verhaltensweisen zu etablieren und unseren Handlungsspielraum zu öffnen. Das Alte funktioniert nicht mehr und wir müssen schlagartig
anders reagieren. Wir werden buchstäblich aus unserem Trott und unseren Selbstverständlichkeiten gerissen. Vormals als grundlegend angenommene Tatsachen sind kaum mehr gegeben. Zudem wird deutlich, dass unsere eingefahrenen Denk-und Handlungsmuster, welche bisher sehr bequem und effizient funktioniert haben, nicht auf alles anwendbar- oder ohnehin, gar nicht mehr gültig sind. Darum tun wir uns mit dieser Krise (und allg. Krisen wie Konflikten) so schwer.

Doch sie stellt auch eine Chance für uns dar.

“We always want our situation to change, not realizing that we were put into that situation, so that we can change.”
unbekannt


CHANCEN DER HERAUSFORDERUNG

Ihrem lateinischen Ursprung „crisis“ (Scheidung, Urteil) entsprechend, ist eine Krise keine Sackgasse, sondern der Höhe- und Wendepunkt einer Situation. Etwas steht am Punkt zum Wandel und wir stehen vor einer Entscheidung. Eine Krise bietet uns somit auch die Chance für Veränderungen oder gar einen Neuanfang. Das gilt auch für die Corona Pandemie. Denn: krisenhafte Situationen wie dieser Virus, Konflikte und alle unbekannten, unbequemen Umstände ermöglichen es uns zu wachsen. Nicht die Routine, sondern die Herausforderungen sind es, welche uns menschlich reifen lassen. Sie bringen uns oft mit Persönlichkeitsanteilen sowie Handlungsmöglichkeiten von uns in Verbindung, die wir lange vergessen hatten oder welche uns bis dato noch völlig unbekannt waren. Es gilt nun für den Ausweg aus dieser Krise neue Lösungen zu finden. Dazu müssen wir unbekannte Wege beschreiten und Anteile in uns aktivieren, welche für kreative Lösungsfindung, Mut, Kraft, Vertrauen und Herzensweisheit stehen. Ohne groß nachzudenken routinierten Handlungen zu folgen, funktioniert jetzt nicht mehr. Das gilt für uns persönlich sowie für uns als Gesellschaft.

Und ja, diese Krise ist anstrengend, verlangt uns einiges an Kraft ab und bringt viel Leid mit sich.
Doch wenn wir nicht zumindest versuchen das für uns Mögliche heraus zu holen und etwas zu verändern, dann bleiben wir stehen und unser Leiden vergrößert sich. Denn so schwer es sein mag, wir sind hier nicht zum Stillstand verpflichtet. Wie alles im Leben folgt auch die Corona Krise dem universellen Gesetz, dass die einzige Konstante die Veränderung ist. ABER: Es liegt nun maßgeblich an uns, diese Veränderung einzuleiten und zu entscheiden, wie und in welche Richtung die Wende sich vollzieht und ob wir die Chancen nutzen, die uns damit geboten werden.

GRUNDLAGEN FÜR VERÄNDERUNG

Wie aber können wir weiter gehen und in den ganzen, mitunter schwierigen, Umständen auch Mut, Kraft, Potenzial sowie neue Lösungsmöglichkeiten für uns selbst und als Gesellschaft entdecken?

ANNEHMEN

Zunächst einmal ist es wichtig, dass wir den aktuellen Zustand annehmen und akzeptieren.
Wenn wir uns mit aller Macht dagegen wehren und uns nur nach unserem “normalen” Leben vor oder nach Corona sehnen, wird es uns sehr schwerfallen, etwas aus der jetzigen Situation mitzunehmen und nachhaltig zu verändern. Denn Widerstand erzeugt Starre. Es geht vielmehr um loslassen und hingeben, nicht jedoch um hergeben.
Zumal
ist die Sache die: Das Leben unterscheidet nicht in ‚vor Corona oder ‚nach Corona‘, das Leben ist JETZT. Das bedeutet, es ist auch die Corona Zeit selbst. Wenn wir uns dem entziehen wollen, verpassen wir etwas Entscheidendes: unser Leben zu leben. Wer weiß schon wie lange wir hier sind?
Es gilt also, das Ruder wieder in unsere eigenen Hände zu nehmen und mit dem Fluss des Lebens zu schwimmen.

ERLAUBEN

Ebenso ist es bedeutend, dass wir uns selbst und die anderen nicht beurteilen:
„Ich schaffe es kaum,
home office und Kinder unter einen Hut zu bringen, und ich müsste dringend mal wieder putzen, einkaufen … ; Ich sollte dieses oder jenes anders können/machen/schon längt gelöst und fertig haben/ Warum klappt es nicht?! …“.
Gerade
jetzt ist es essenziell, uns selbst liebevoll zu behandeln und uns die Zeit zu nehmen, mit der Situation zurechtzukommen. Kaum einer von uns hat solche Umstände schon mal erlebt. Wir dürfen uns und den anderen die Chance geben auszuprobieren, was für uns stimmig ist und wie wir gut zurechtkommen.

DANKBARKEIT

Schließlich ist es Dankbarkeit, welche uns erdet und mit unserer Kraft in Verbindung bringt:
Eine solche Zeit der Entbehrungen und Einschränkungen zu erleben, ist für den Großteil von uns eine neue, harte Erfahrung.
Doch was heißt in unseren Breitengraden schon Entbehrung und Einschränkung? Unsere grundlegenden Bedürfnisse sind nach wie vor gedeckt: Wir haben ein Dach über dem Kopf und ein warmes Heim. Es stehen uns ausreichend Lebensmittel sowie sauberes Wasser zur Verfügung. Eine hochwertige ärztliche und medizinische Versorgung sind gegeben. Wir haben eine sozialstaatliche Absicherung. Soziale Kontakte (auch via digitalen Medien) und Austausch sind uns möglich. Der Zugang zu Bildung (sogar in digitalem Format) steht uns zu. Und schließlich haben wir stets die Freiheit, wir selbst zu sein.
Dieser außergewöhnliche Zustand für uns, in welchen Corona uns katapultiert hat, ist immer noch mehr als viele Millionen Menschen auf dieser Welt zu “normalen“, nicht – Corona, Zeiten haben. Nicht zu reden von dem, was wir außerdem besitzen: Internet, Handy, Auto, Fahrrad, Fernseher, Tablet, Kleidung, Bücher, Möbel, Haustier …
.
Wenn wir uns daran erinnern, was wir trotz dieser Krise noch alles haben und uns in Dankbarkeit üben, gibt uns das Kraft und Zuversicht. Denn Dankbarkeit ist eine der wirkungsvollsten Methoden, unsere Gedanken und Gefühle zu stabilisieren und den Blick nach vorne zu richten. Das können wir zu jeder Zeit tun.

Mit diesen Grundlagen kommen wir runter, kommen an und gewinnen wieder Boden unter den Füßen.
So öffnet sich der Raum für Veränderung. Letztere beginnt stets bei uns selbst und somit sind zunächst wir gefragt, was wir persönlich aus dieser Krise lernen können. Es lohnt sich einmal genauer hinzuschauen:

FRAGEN FÜR DIE VERÄNDERUNG

  • Was aus dieser Situation kann ich für mich persönlich mitnehmen?
  • Woran darf ich wachsen?
  • Welchen Nutzen hat diese Situation für mich? Was könnte daran für mich wichtig und sinnvoll sein?
  • Was hat mir persönlich bisher in Krisenzeiten, ungewohnten oder unbequemen Momenten, geholfen? Was habe ich dadurch gelernt und erreicht?
  • Was kann ich konkret tun, um aus diesen Umständen gestärkt hervor zu gehen?
  • Welche kreativen Lösungen finde ich plötzlich in dieser Situation?
  • Welche Fähigkeiten an mir entdecke ich (wieder)?
  • Welche Angewohnheiten und Denkmuster sind es wert, einmal genauer unter die Lupe genommen- und auf ihre Gültigkeit überprüft zu werden?
  • Wie kann ich andere unterstützen?
  • Was kann ich noch beitragen auf dieser Welt?
  • Wie schaut eigentlich mein Leben bisher aus? Lebe ich erfüllt oder will ich etwas verändern/noch erreichen/aufbauen? Was wäre das?

Wenn wir uns mit uns selbst auseinandergesetzt haben, können wir die Perspektive auch auf uns als Gesellschaft ausweiten:

  • Was können wir als Gesellschaft aus dieser Krise lernen?
  • Welchen Nutzen hat sie für uns?
  • Wie können wir gemeinsam gestärkt daraus hervorgehen?
  • Welche sozialen/wirtschaftlichen/ökologischen Modelle sind veraltet und benötigen einen neuen, kreativen Ansatz? Wo sind Veränderungen nötig?
  • Wollen wir weiter machen wie bisher? Wenn ja, ist das wirklich die Basis um eine wertvolle, nachhaltige, wertschätzende, schützende, freundliche und mitfühlende Lebensgrundlage für alle Lebewesen zu erschaffen?
  • Stehen wir als Menschen wirklich einzeln und abgegrenzt voneinander da oder sind wir nicht vielmehr alle miteinander verbunden?
  • Was würde sich verändern, wenn wir uns auf unsere Gemeinsamkeiten und nicht auf unsere Unterschiede konzentrierten?
  • Können wir uns wirklich als unabhängig von- oder gar über der Natur stehend betrachten?

Diese Fragen an uns selbst und an uns als Gesellschaft sind nur einige der möglichen. Sie gehen tief und sind mitunter unangenehm. Doch sie sind nötig. Erst aus der Auseinandersetzung mit dem was ist und dem was wir haben, erwachsen Gelegenheiten für die Veränderung.

Wir stehen also an einem Scheideweg:
Nutzen wir als Individuen und als Gesellschaft die Corona Krise und entscheiden uns für neue Wege oder verharren wir weiter im Alten?
Es liegt in unserer Hand.